Das Strafgefängnis Ichtershausen Der Ort Ichtershausen mit augenblicklich 2377 Einwohnern, ohne Anstaltsinsassen, liegt 5 km von der Kreisstadt Arnstadt entfernt. In ihm befinden sich eine größere und einen kleinere Nadelfabrik und andere kleinere industrielle Unternehmen. Er hat deshalb das Gepräge einer Arbeitervorstadt. Die Landwirtschaft besteht aus einem Staatsgut, mehreren Einhofbauern und wenigen kleineren Landwirten. Dass Strafgefängnis liegt an der einen Längsseite des Ortes. Es umfaßt 2,0434 ha. Im Jahre 1876/77 wurden vorhandene Baulichkeiten, nämlich ein herzgl. Schloß eine alte Mühle und die Überreste eines alten Klosters, welche nach der Klosterzeit vielen anderen Bestimmungen dienten, mit einer Umwehrung umgeben – als Strafanstalt eingerichtet. Die Anstalt ist jetzt ein Strafgefängnis für Männer, früher waren aber auch Frauen in ihr untergebracht. Bis zum Jahre 1924 diente die Anstalt auch als Jugendgefängnis für das männliche Geschlecht. Im Jahre 1893 wurde ein festes Haus (das K-Haus) hineingebaut. Nur dieses hat den Charakter eines Strafhauses, die anderen Häuser können nur als Notbehelf angesehen werden. Die Häuser sind zum Teil massiv, jedes Haus hat aber Fachwerkergänzungen, soweit es nicht überhaupt aus Fachwerk besteht. Die einzelnen Häuser der Anstalt sind durch verhältnismäßig weite Höfe, die mit Bäumen und Strauchwerk aller Art bepflanzt sind, getrennt. Als Umwehrung besteht eine 3,75 bis 4,00 m hohe Mauer. Die Anstalt kann normal mit 500 Gefangenen belegt werden. Sie hat schon seit längerer Zeit eine höhere Belegung, einmal waren es sogar 660 Gefangene. Es sind vorhanden: Einzel-         Gemeinschaft-    ins- Hauptgebäude haft   haft gesamt 21 Einzelzellen mit je 37-cbm Luftraum m/geringerer qm,- Fläche infolge größerer Ge- schoßhöhe 21 3 Gemeinschaftszellen für je 3 Gefangene mit 35-39 cbm Luftraum 9 3 Gemeinschaftszellen für je 3 Gefangene m/32-36 cbm Luftraum 12 52 Schlafzellen m/je 18-29 cbm Luftraum 52 1 Schlafsaal f. 25 Gefg. mit 247 cbm Luftraum 25 1 Schlafsaal f. 46 Gefg. mit 465 cbm Luftraum 46 165 Einzel-         Gemeinschaft-    ins- Haus A   haft   haft gesamt 58 Einzelzellen mit 18-27 cbm Luftraum 58 1 Gemeinschaftszelle für 3 Gefg. mit 44 cbm Luftraum 3 1 Gemeinschaftszelle für 4 Gefg. mit 56 cbm Luftraum 4 65 Haus B               40 Einzelzellen mit  18-30 cbm Luftraum 40 5 Gemeinschaftszellen für je 3 Gefg. mit 31 – 32 cbm Luftraum 15 1 Gemeinschaftszelle für 4 Gefg. mit 46 cbm Luftraum 4 59 1 Schlafsaal f. 20 Gefg. mit 203 cbm Luftraum 20 20 Haus C                16 Einzelzellen mit je 22 - 27 cbm Luftraum 16 1 Gemeinschaftszelle für 3 Gefg. mit 43 cbm Luftraum 3 1 Gemeinschaftszelle für 4 Gefg. mit 56 cbm Luftraum 4 Haus K                54 Einzelzellen mit je 26 – 28 cbm Luftraum 54 16 Gemeinschaftszellen für 4 Gefg. mit 47 – 48 cbm Luftraum 64 118 Küchengebäude                14 Einzelzellen mit je 16 cbm Luftraum 14 25 Schlafzellen mit je 16 cbm Luftraum 25 39 1 Schlafsaal für 10 Gefg. mit 191 cbm Luftraum . 10 10       281 219 500 In den einzelnen Gebäuden sind außer den Hafträumen noch folgende Räume und Einrichtungen untergebracht: Hauptgebäude 10 größere und kleinere Arbeitssäle nebst 4 Nebenräumen 3 größere Aufenthaltsräume, in denen den dort untergebrachten Strafgefangenen gleichzeitig          das Essen verabreicht wird 4 Wascheinrichtungen Das Lazarett Die Bücherei 1 Saal als Unterrichts- und Versammlungsraum Haus A 1 Arbeitsraum für Kartoffelschäler 1 Wascheinrichtung Der Bodenraum als Aufbewahrungsraum für die Kleiderbeutel der Gefangenen Die Dampfheizungsanlage Haus B 2 Arbeitssäle mit 2 Nebenräumen für den Werkmeister 1 Trockenraum 1 Raum, in welchen die Wäsche sortiert und instandgesetzt wird 1 Wäschekammer 1 Wasch- und Badeeinrichtung Im Keller befinden sich die Dampfheizungsanlage und 3 Räume für Kartoffellagerung und Lebensmittel Haus C 1 Malerwerkstatt mit Raum für Lagerung von Material 2 Räume als Waschküche mit Nebenraum 1 Arbeitssaal 2 Wäschekammern Im Erdgeschoß befindet sich der Beamtenversammlungsraum. Haus K 1 feste Zelle und im Erdgeschoß die Arreststation mit 6 Zellen 1 Badeeinrichtung 1 Arbeitssaal Küchengebäude Die Kochküche mit Nebenraum 3 Büroräume für den 1.Hptw. vom Dienst 1 hauswirtschaftlicher Raum mit Nebenräumen 2 Arbeitssäle 3 Kleiderkammern mit Nebenraum Im Haupthof befindet sich ferner ein kleines Gebäude als Schmiede- und Klempnerwerkstatt und ein weiteres selbstständiges Gebäude für die Bäckerei. Im Obergeschoß enthält dieses noch 2 Räume zur Aufbewahrung von Lebensmittelvorräten. Im Wirtschaftshof ist im Jahre 1937 ein größerer Lagerschuppen errichtet worden. Eine neben dem Haus stehende Baracke dient als Arbeitsraum. Es sind 11 Dienstwohngebäude mit 26 Dienstwohnungen vorhanden. 10 Wohnungen liegen in unmittelbarer Nähe der Anstalt, die anderen sind im Ort verteilt. Nur 2 Gefangenenhäuser haben Sammelheizung, die anderen werden mit Öfen beheizt. Zur Beleuchtung dienst elektrisches Licht. Das elektrische Leitungsnetz erhält Strom durch die Gemeindeverwaltung Ichtershausen vom Kraftwerk Gispersleben bei Erfurt. Der Strom speist 628 Brennstellen und 14 Motore mit 28,5 PS. Die Wasserversorgung erfolgt durch die Gemeindeverwaltung Ichtershausen von der städtischen Wasserversorgungsanstalt in Arnstadt. Zum Waschen und zu Reinigungsarbeiten usw. entnimmt die Anstalt das Wasser aus vorhandenen Brunnen. Es ist eine Hauptbadeeinrichtung mit Brauseeinrichtung vorhanden, welche gleichzeitig von 30 Mann benutzt werden kann. Außerdem befindet sich im Haus B eine Nebenbadeeinrichtung mit Brausen und einem Wannenbad und im Lazarett ein Wannenbad. Es steht der Bau eines neuen Lazarettgebäudes bevor, daß mit Badeeinrichtung ausgestattet werden soll. Im Hauptgebäude und im Haus B befindet sich je ein Waschraum mit Waschbecken, die mit Warm- und Kaltwasser gefüllt werden können. Haus A hat außerdem eine Wascheinrichtung mit 9 Becken, aber nur für Kaltwasser. Die Abwässer werden überall durch Kanalisation in den Gerabach abgeleitet. Nur das sogenannte Hauptgebäude, das alte herzgl. Schloß, ist im Erdgeschoß und im ersten Obergeschoß mit Spülklosetts versehen. Im übrigen werden Zellenkübel benutzt, die täglich wiederholt in Abfuhrtonnen entleert werden. Diese werden von den hiesigen Landwirten abgefahren. Bei der Unzweckmäßigkeit der Bauten lassen sich die hauswirtschaftlichen Räume nicht zusammenlegen, sie sind nach Zweckmäßigkeit auf die Gebäude verteilt. Es sind vorhanden: 3 Kohlenkeller 1 Kohleschuppen 3 Kartoffelkeller 4 kleinere Vorratsräume 1 Waschküche mit Nebenräumen 4 Wäschekammern 3 Kleiderkammern mit Nebenräumen 1 Kochküche mit Nebenräumen 1 Lagerraum für Hausgeräte 1 Garage für den Dienstwagen im Hof des Hauses K Die Kirche gehört dem lande Thüringen, wohl der einzige Sonderfall, sie dient dem evangelischen Gottesdienst sowohl der Gemeinde als auch der Anstalt. Die Gottesdienste werden getrennt abgehalten. Wenn die Kirche durch die Anstalt genutzt wird, werden alle anderen Ausgänge verschlossen. Die Kirchturmuhr wird nach Vereinbarung von der Anstalt aufgezogen und nach Radiozeit gestellt. Sie dient der Anstalt als Zeitmesser. Die Anstalt ist mit – Arnstadt 2097 – an das Fernsprechnetz angeschlossen. Sie hat im Dienstzimmer des Anstaltsvorstandes, im Dienstzimmer des Vertreters desselben und im Wachlokal je einen Nebenanschluß. Die Anstalt ist ununterbrochen – Tag und Nacht – fernmündlich erreichbar. Alarmeinrichtungen hat die Anstalt nicht, das hat sich in den verflossenen 70 Jahren – mindestens aber in den letzten 15 Jahren – nicht störend bemerkbar gemacht. Zum Heranrufen der Beamten in dringlichen Fällen hat die Anstalt eine Sirene, die im ganzen Ort gehört wird. Für die Feuersicherheit der Anstalt sind vorhanden: 2 fahrbare Feuerspritzen mit Schlauchleitungen 4 Hydranten je 1 Stück Hausanschluß - Schlauchleitungen für die Gebäude: Hauptgebäude Haus B Haus C und Haus K 5 Handfeuerlöscher im Hautgebäude je 1 Handfeuerlöscher im Haus A, Haus B, Haus C, Küchengebäude, Verwaltungsgebäude, Barackengebäude und Autoschuppen 1 Rettungssack 1 Rettungsringseil 1 fahrbare Schiebeleiter. Aus den Gefangenen ist ständig eine Gefangenenfeuerwehr aufgestellt, sie wird durch Übung auf dem laufenden gehalten. Mit der Feuerwehr in Arnstadt besteht eine Vereinbarung über deren Eingreifen mit der Motorspritze. Die Anstalt hat als eigenen Arbeitsbetriebe Tischlerei, Druckerei, Buchbinderei, Bäckerei und kleine Nebenbetriebe als Schmiede, Schlosserei und Klempnerei. Es werden in ihr auch Gefangenenkleidungen hergestellt. An Unternehmerbetrieben hat sich die Anstalt einen solchen zur Herstellung von Luftschutz- Fensterverdunkelungen, zwei solche die Bastelarbeiten (Basttaschen), einen in der Anfertigung von Ledermatten und Matratzenlederscheiben, einen solchen für die Herstellung von Stoffanhänger u.dgl., zwei für die hiesige große Nadelfabrik. Außerdem werden gelegentlich auch andere Arbeiten ausgeführt, wie Hülsenfruchtlesen, Federreißen usw. Für die landwirtschaftlichen Betriebe der Umgebung – einschließlich - der kleineren Bauern, werden landwirtschaftliche Arbeiten durchgeführt, im Sommer mitunter 80 – 100 Mann. Alle Gefangenen sind beschäftigt, bis auf die Leute, die tatsächlich nicht arbeiten können. Die Anstalt hat nur einige kleine Gartenstücke, auf denen sie Gemüse für den eigenen Bedarf baut. Die gärtnerische Nutzfläche beträgt: 21 ar Gartenland innerhalb des Anstaltsgeländes 21 ar außerhalb der Anstalt gelegenen Gartenland. Die Gesundheitspflege und die ärztliche Versorgung liegt dem jetzt hauptamtlichen Anstaltsarzt ob. Es besteht vorläufig ein kleines Lazarett mit 9 Betten. Für die geistige Ertüchtigung der Gefangenen wird Unterricht erteilt. Ferner steht hier eine Gefangenenbücherei  mit 4122 Bänden zur Verfügung. Die körperliche Ertüchtigung erfolgt durch Freiübungen und Ordnungsübungen während der Bewegung im Freien. Das genügt auch. Sie Seelsorge erfolgt durch die zuständigen örtlichen Geistlichen. Mißhelligkeiten ergeben sich daraus nicht. Das Personal besteht aus: 1 Regierungsrat als Vorstand 1 Regierungsmedizinalrat 1 Verwaltungsoberinspektor 1 Oberlehrer   Inspektoren   Verwalter   Verwaltungssekretäre   Verwaltungsassistenten   Verwaltungsangestellte   Erste Hauptwachtmeister   Hauptwachtmeister und sonstige Hilfskräfte Die geistliche Seelsorge wird vom Ortspfarrer ausgeübt. Für die Katholiken geschieht das durch den in Arnstadt ansässigen Geistlichen. Die Zahnbehandlung erfolgt durch einen Dentisten des Ortes. Besondere geschichtliche Ereignisse haben sich in der Anstalt nicht zugetragen, nur das früher Meutereien vorgekommen sind, die letzte im Jahre 1921. In der Anstalt erfolgt der Strafvollzug in Stufen. Von heute 530 Gefangenen befinden sich 13 auf der dritten Stufe 4 auf der zweiten Stufe Alle andren gehören der ersten Stufe an. Ichtershausen, den 23. April 1938
Das Schloß Ichtershausen als Haftanstalt des Thüringer Staates Im Jahre 1877 wurden die zahlreichen Räume und Unterkünfte des ehemaligen Schlosses als Gefängnis für Strafgefangene umgebaut und eingerichtet. Zunächst konnten 160 Sträflinge untergebracht werden, im Laufe der nächsten 10 Jahre nach und nach bis zu 500. Die Verwaltung bestand aus einem Direktor, einem Rentanten, einem Sekretär und einem Arbeitsinspektor. Dazu als  „Aufseher“ 30 Aufsichtsbeamte und als Sicherheit von 1878 bis 1906 ein ständiges Militärkommando von 1 Offizier und 30 Mann, die monatlich wechselnd in dem ehemaligen Verwaltungsgebäude des Amtes Ichtershausen in dem sogenannten Amtgerichtsgefängnis kaserniert waren. Die Kommandos wurden von den Garnisonen Gotha, Eisenach, Meiningen, Hildburghausen, Weimar, Sondershausen und Jena gestellt. Am 30.09.1906 wurde die militärische Sicherheitswache aufgelöst und die Zahl der Aufseher dafür vergrößert. Der erste Direktor der neu eingerichteten Strafanstalt war Regierungsrat Theodor Hierling (1877 bis 1888). Der Nachfolger von Direktor Hierling wurde 1888 der bisherige Zuchthausdirektor Friedewald Berger aus Gräfentonna. 1891 trat letzterer in den Ruhestand und an seine Stelle kam der Zuchthausdirektor Max Siefert aus Gräfentonna. Nach dessen Pensionierung im Jahre 1909 kam Zuchthausdirektor Hermann Jacobi aus Gräfentonna nach Ichtershausen, wo er 26 Jahre amtierte. An seine Stelle traz am 1.5.1923 Regierungsrat Max Vollraht, dem nach Erreichung der Altersgrenze 1928 Regierungsrat Sielewies folgte. Die seelsorgerischen Belange wurden von den jeweiligen Pfarrern aus Ichtershausen wahrgenommen. Für die katholischen Sträflingen stand der amtierende Geistliche aus Arnstadt zur Verfügung. Da das Landesgefängnis außer männlichen und weiblichen Erwachsenen auch Jugendliche beiderlei Geschlechts im Alter von 12 – 20 Jahren aufzunehmen hatte, mußte auch der Schulpflicht der Betreffenden Genüge geleistet werden. Zu diesem Zwecke wurde bald nach der Einrichtung eine Lehrkraft in der Person des Kantor Just angestellt, der auch das Organistenamt während der Gefangenengottesdienste in der hiesigen Kirche auszuüben hatte. Vom 1.7.1894 trat die Nachfolge Lehrer Paul Reich an. Am 1.12.1903 wurde das Frauengefängnis nach Gräfentonna verlegt und die Lehrerstelle im Hauptberuf aufgehoben. Der Unterricht für die männlichen Jugendlichen wurde von diesem Zeitpunkt an von Lehrkräften der Gemeinde Ichtershausen erteilt. Nach der Einrichtung von Jugendgefängnissen in Eisenach kamen Jugendliche nicht mehr nach Ichtershausen. Bevor das Frauengefängnis nach Gräfentonna verlegt wurde, war die Belegung so stark geworden, daß die umfangreichen Gebäude des alten und neuen Schlosses nicht mehr ausreichten. Deshalb wurde 1893 ein neues massives Gebäude zusätzlich errichtet, hauptsächlich zur Unterbringung der Jugendlichen – daher die Bezeichnung „Knabenhaus“. Der Einfluß des ersten Weltkrieges und besonders die infolge der Hungerblockade während und nach dem Kriege in Erscheinung tretende Ernährungsschwierigkeit brachte der Verwaltung große Sorgen. Durch die Einberufung zum Kriegsdienst vieler Aufsichtsbeamten und zahlreicher zu kürzeren Strafen verurteilter Gefangenen zum Heeresdienst, war die Belegschaft außerordentlich zurückgegangen. Die Revolution 1918 trug ihre Auswirkungen auch hinter die Gefängnismauern von Ichtershausen. Die aufflammende sozialistische Arbeiterbewegung, die unsozialen Verhältnisse un d die mangelhafte Ernährung der Gefangenen löste unter diesen eine Revolte aus. Genaue Daten sind wegen der damaligen Geheimhaltung nur zu ermitteln gewesen. Die Gefangenen überwältigten die Aufseher und brachen zu großen Teilen aus. Einige von ihnen kamen allerdings nach einiger Zeit freiwillig wieder zurück. Fest steht, daß sich am 9.11.1918 nur noch 28 Sträflinge im Gefängnis befanden. Eine weitere Revolte wiederholte sich am 1.6.1919. Im Zuge der marxistisch liberalistischen Weltanschauung und der damit verbundenen Humanitätsauffasung wurden von 1923 mancherlei Reformen im Strafvollzug eingeführt, von denen leider nichts Genaues an die Öffentlichkeit gedrungen ist. Das müßte sich aber feststellen lassen. Bekannt ist, daß 1923 der stufenweise Strafvollzug eingeführt wurde. Die Verwaltung der Gefängnisse in Thüringen unterstanden dem Justizministerium; die Beamten  (Gesamtstärke um 70 Mann) waren ausnahmslos ausgediente Soldaten mit 12 jährige Dienstzeit (Zivilversorgungsanwärter). Durch systematische Schulungslehrgänge wurden die Strafanstaltsbeamten auf ihre schwere Erziehungstätigkeit vorbereitet und je nach ihrer Qualifikation zu Dienstgraden befördert und besoldet. Der jeweilige 1. Hauptwachtmeister war für den Gesamtablauf  des Dienstbetriebes verantwortlich. Bei der Machtübernahme des Staates durch die NSDAP traten im Strafvollzug wesentliche Veränderungen ein. Die Behandlung der Gefangenen wurde härter und rücksichtsloser. Neben den Strafgefangenen gab es nun erstmals auch noch politische Häftlinge wie Kommunisten, Juden, Bibelforscher als Wehrdienstverweigerer. Die Zellen der politischen Gefangenen waren von außen besonders gekennzeichnet und durch den „Spion“ in der Zellentür wurden diese Insassen dauernd beobachtet. Dauernde Verhöre und Beschränkungen im täglichen Ablauf sowie Maßregelungen mit dem Gummiknüppel waren für diese Häftlinge an der Tagesordnung. Strafgefangene, die sich gut führten und nicht mehr als nur noch ein Viertel ihrer Haftzeit zu verbüßen hatten, wurden in Außenkommandos auf Baustellen, vor allen aber in der Landwirtschaft auf billige und willige Arbeitskräfte eingesetzt. Es gab auch Teilstraferlaß mit Bewährungsfrist bei guter Führung. Rückfallsträflingen gab es auch, die bei der Verurteilung gleich um Einweisung nach Ichtershausen baten, weil sie dort gut bekannt wären. Ein Gefangener war 22 mal Insasse wegen Diebstahls, Einbruch, Bettelei, Betrügerei, Landstreicherei. Wegen seines Alters (über 70 Jahre) und weil er einsam im Leben stand, blieb er freiwillig 5 Jahre länger im Knast und fühlte sich dort wohl und geborgen. Er war nicht der Einzige, der im Gefängnis – von seine Angehörigen verstoßen – gestorben ist. Auf dem sogenannten Gefängnisfriedhof in der Flur östlich in Höhe des Preußengrabes sind ca. 70 verstorbene Strafgefangene beerdigt worden, bis in die zwanziger Jahre hinein. Unter den Gefangenen gab es viele Künstler und Intellektuelle, die hervorragende Leistungen in der Zelle vollbracht haben. Ihnen verdanken wir unter vielen anderen eine historisch einwandfreie Reproduktion der Klosterkirche und dem Wappens der Gemeinde Ichtershausen, auch eines großen Flurplanes. Die Druckerei in der Anstalt war bekannt und hat nicht nur Behördenaufträge durchgeführt. Die Gemeinde Ichtershausen hat durch die Anstalt viele Vorteile in vielfältiger Art gehabt. Ausbrüche von Strafgefangenen kamen zu allen Zeiten vor, 90% kamen aber freiwillig wieder oder wurden von der Polizei eingefangen. 1925 waren genau 498 Gefangene registriert, es waren aber auch schon 600 Mann eingesperrt. Wegen der originellen Mischung der Sträflinge, ihrer überdurchschnittlichen Talente positiver und negativer Art kamen die tollsten Sachen vor. Taschendiebe und Zauberkünstler, Akrobaten und Falschgeldhersteller vollbrachten hervorragende Leistungen, leider nur, um sich unreel zu bereichern. Viele Dinge sind in vertrauten Kreisen bekanntgeworden. Die Verwaltung der Anstalt ging dann in die Hände der Polizei über. Die inneren und äußeren baulichen Veränderungen sowie der moderne Strafvollzug selbst kann nur von einem zuständigen Chronisten aus den Reihen der Anstaltsangestellten ergänzt werden.